Komm sach watt!

Wenn es nicht das www wäre würden hier oben Fotos meiner Kinder hängen. Ich freue mich über nette Kommentare, Kritik vertrage ich überhaupt nicht und ich bin kein Freund von Smilies, man sollte sich auch so ausdrücken können.

Thanks for stalking. Komm sach watt!

Montag, 6. Oktober 2014

Paulo

Ich weiss, ihr wartet auf den Hamburg Bericht, ihr wartet auf den Spendenbericht und sonstige Neuigkeiten. Ich muss erstmal gestern sacken lassen. Meine erste Beerdigung in diesem Land. Bei den Omas von über 90 brauchte ich nicht hin. Da meinten meine Eltern immer, dass es wohl ein Zeichen (und damit auch das einzige) von Integration ist, wenn sie teilnehmen. Nun war es der weltbeste Automechaniker und Vater von Kind 2s bester Freundin. 43 Jahre alt, Hirntumor. Wohnen hier den Berg runter. Muss gut ein Jahr her sein, dass ich hier davon berichtet habe. Er wurde ja operiert, aber nicht alles konnte entfernt werden. Bestrahlung, Chemo und irgendwann eben die Diagnose es gibt nichts mehr was man tun kann. Bis auf die letzte Nacht war er Zuhause, nicht weil er es wollte, sondern weil es hier so ist. Er hat wohl auch sehr gelitten, ich hab nicht nachgefragt, was das heissen sollte. Ich hab immer nur an Frau und Tochter gedacht. In der Nacht von Freitag auf Samstag erreichte uns die SMS um 2:30 Uhr.

Die Beerdigungen erfolgen hier in der Regel innerhalb von 48 Stunden. Er wurde in der kleinen Dorfkapelle eine Nacht aufgebahrt. Da sind wir 4 dann gestern um 14 Uhr hin. Aber nicht rein. Um 14:30 wurde der Sarg in den Leichenwagen geschoben und Frau, Tochter und sein Bruder sind mit ins Auto eingestiegen. Ich kenne seine Frau Sara und seine Tochter Marcia seit wir hier sind. Die Kinder sind zusammen in den Kindergarten und in die Schule gegangen. Das war einfach nur schrecklich sie so leiden zu sehen. Dann sind wir mit Autos dem Wagen hinterher zu der Kirche, wo sich auch der Friedhof in der Nähe befindet. Es waren bestimmt 1000 Leute unterwegs. Eine endlose Schlange an Autos. Trotzdem haben alle irgendwo einen Parkplatz gefunden. Dann wurde in der Kirche eine kurze Messe gehalten (passten aber ja längst nicht rein). Es gab kurz Applaus (keine Ahnung warum). Dann wieder in den Leichenwagen und eine ganze Ecke nochmal zum Friedhof. Alle Leute schweigend zu Fuss hinterher. Auf den Friedhof war das Loch schon gebuddelt. Der Mann im weissen Gewand hat ein paar Gebete gebrabbelt. Da wurde der Sarg nochmal geöffnet! Und während sich Frau und Tochter dort am Kopfende standen, ging jeder der wollte auch nochmal hin. Das war so fürchterlich. Alle starren, Sara schreit und weint. Marcia auch. Irgendwann hat Sara ihre Tochter weggezogen und sie sind schnell weg nach Hause. Der Sarg wurde zugemacht. Vorher noch ein Tuch übers Gesicht und dann ins Loch gelassen und zack die Erde drauf. Da waren die Verwandten schon weg.

Ich weiss auch nicht, warum bei einigen Familien immer viele Bomben einschlagen müssen. Eine Schwester von Paulo ist sehr jung gestorben, seine Eltern sind kurz nacheinander im letzten Jahr gestorben. Der Bruder raucht und säuft. Sara hat ihren Vater verloren als sie 12 war und musste die Schule abbrechen um in der elterlichen Bäckerei mitzuarbeiten. Marcia ist nun 15.

Wir alle haben da erstmal dran zu knapsen. Weil es eben, und das sehr krass, gezeigt hat, dass das Leben nicht unendlich ist. So sehr man den Gedanken auch immer wieder verdrängt.


Kommentare:

  1. Liebe Susi, natürlich ist es sehr bedrückend, wenn jemand, den man gut kennt in diesem Alter gehen muß. Ihm ist trotzdem viel Leid erspart geblieben - glaube mir, ich habe lange in der Onkologie gearbeitet. Viele Menschen sind in meinen Armen gestorben - auch viele, die wir während ihres langen Leidensweges begleitet haben - und ich sage es ganz ehrlich - wenn ich jetzt sagen muß, dass ich doch auf die Achtzig zugehen werde - in der Zeitung lese, wer alles in meinem Allter gestorben ist - dann bekommen ich doch ein wenig Angst und bitte Gott, dass er mir einen langen Leidensweg ersparen möchte.
    Ich wünsche den Angehörigen von Paulo viel Kraft, um diesen Schicksalsschlag zu verkraften.

    AntwortenLöschen
  2. wie traurig...und auch, wenn man weiß, er ist nun erlöst, nutzt es niemandem aus der Familie momentan, das braucht Zeit, um es anzunehmen...einen Todkranken zu Hause zu versorgen , das ist schwer.

    (und wegen dem "Warten"....manchmal hat man eben keine Zeit, oder muss sich die Zeit für andere Dinge nehmen, nech..alles gut, ihr habt wahrlich genug um die Ohren!Bin sicher, das verstehen hier alle.)

    Liebe Grüße; Gräde

    AntwortenLöschen
  3. dafür gibt es wenig worte. er ist jetzt erlöst vom schmerz. der einzige trost wahrscheinlich.
    wir

    AntwortenLöschen
  4. Sch...Freitag Nacht, meine Omi auch...

    AntwortenLöschen
  5. Stimmt, da gibt es nicht viel dazu zu sagen. Dass er erlöst ist wird auch der Familie klar sein, aber das ist kein Trost für die Lücke, die er hinterlässt. Dazu dann noch die ganzen anderen Schicksalsschläge, die die Familie verkraften musste, ach Mensch... Bei Manchen kommt es wirklich mehr als knüppeldicke, und unsereins regt sich über unordentliche Zimmer auf...

    Liebe Grüße

    AntwortenLöschen
  6. So etwas zu lesen macht einen sehr traurig und zeigt, was wirklich wichtig ist. Auch wenn es für ihn vermutlich eine Erlösung war, so ist es für die Familie furchtbar. Ich wünsche allen viel Kraft und Unterstützung in dieser schlimmen Zeit.
    Und du, Susi, mach dir bitte keine Gedanken, ob hier vielleicht irgend jemand ungeduldig wird. Wir wissen alle, dass du unendlich viel um die Ohren hast. Und vergiss dabei nicht, auch auf dich selbst zu schauen! Ich würde dein Pensum nie im Leben schaffen, also "take your time"!

    AntwortenLöschen
  7. Da fehlen die Worte. Das ist furchtbar tragisch :-(

    AntwortenLöschen
  8. Ich drück dich, Susi ... und ich denk an euch!

    AntwortenLöschen

Bitte höflich bleiben, sonst...