Komm sach watt!

Wenn es nicht das www wäre würden hier oben Fotos meiner Kinder hängen. Ich freue mich über nette Kommentare, Kritik vertrage ich überhaupt nicht und ich bin kein Freund von Smilies, man sollte sich auch so ausdrücken können.

Thanks for stalking. Komm sach watt!

Samstag, 8. August 2020

Weisst-du-noch-Freunde

Solche weisst-du-noch-Freunde sind ja irgendwie Gold wert. Und wenn man sich die Geschichten auch 100 x erzählt. Ich hab nach einem ziemlich besch... Tag spät abends zufällig herausgefunden, dass man auf der Internetseite unserer ehemaligen Dorfzeitung (na ja, es war oder ist schon ein ganzer Landkreis) für Traueranzeigen nur das Dorf mit Namen eingeben kann. Da ich keine wirkliche Verbindung sprich jemanden für Friedhof-Infos habe, fand ich das ganz praktisch. Das geht auch mehr als 10 Jahre zurück. Fast 18 Jahre sind wir mittlerweile aus Deutschland weg. 18 Jahre hab ich dort im Dorf gelebt. 1976 haben meine Eltern dort ein Haus gebaut. Ein Eckgrundstück von 6 Grundstücken mit neuen Häusern. Raus aus der Stadt. Rechts und gegenüber ein Bauernhof. Links eben die neuen Bungalows mit Grundstück wie es heute in der Größe wohl nicht mehr üblich wäre. Ein Dorf mit 800 nochwas Einwohnern. So hab ich die Anzeigen durchgeklickt. Neu zugezogen sind ja nicht viele, trotz Golfplatz, aber einige Namen sagten mir so gar nichts. Andere Leute sind alt, teilweise sehr alt geworden, oder eben die Eltern von jemandem, den man kennt. Alles aber ein Zeichen für die Endlichkeit unseres Lebens. Traurig war ich schon bei einigen. Als Dorfkind in den 70ern und 80ern hat man alle gegrüsst und kannte auch jeden. Es gab 2 Tante-Emma-Läden, 2 Kneipen, Reitverein, Schützenverein. Fast alles Geschichte. Trotzdem sind viele Menschen alt geworden. Richtig alt. 80 Jahre Mitgliedschaft im Turnverein und mit 99 Jahren gestorben. Bei diesen ganzen Anzeigen sind so viele Erinnerungen hochgekommen. Dorfleben eben.

Und dann sehe ich Solveigh H. gestorben April 2013 und meine ganzen Gedanken und Erinnerungen sind da und wissen gar nicht welche zuerst vor meinem geistigen Auge erscheint. Mensch Solveigh. Ich googel, weil ich doch früher schon öfter mal nach dir gesucht hab. Und ich finde einen tollen Nachruf über dich. Und mir fallen spontan Dinge ein, die lange im Hirn verschollen waren und ich sage: Ja, das war Solveigh. Ich bin gleichzeitig froh was gefunden zu haben, aber schlimmer ist das Grübeln. Mehrmals hab ich deine Mutter in Deutschland getroffen, hab vor unserem Umzug noch meine portugiesische Telefonnummer direkt zu euch nach Hause gebracht. Da wohntest du aber schon nicht mehr dort. Bei einem dieser Treffen im Supermarkt meinte deine Mutter: „Na ihr habt ja viel Blödsinn zusammen gemacht!“ Klang irgendwie vorwurfsvoll. Ich hab dir bei stayfriends geschrieben, nie eine Antwort erhalten. Schade, wir hatten ein paar Schuljahre und vor allem einige Zeit zusammen verbracht. Angefangen in der 4. Klasse.

Als ich mit meinen Eltern im September 1976 aus der Stadt auf´s Land gezogen bin und mit 9 Jahren alle Freunde zurück lassen musste, wurde mir der Umzug durch einen Hundewelpen „schmackhaft“ gemacht. Boxerwelpe Asco schrieb mir einen lieben Brief mit Foto, wie sehr er sich auf sein neues Zuhause freut. (Den Brief hat meine Mutter wie so viele Dinge dann später beim Aufräumen weggeschmissen). Auch die Dorfschule (Klasse 1+2 und 3+4 zusammen) wurde mir von meiner Mutter schmackhaft gemacht. Bei der Anmeldung hätten ganz viele Schüler gesagt: "Die kann neben mir sitzen!" Stimmte gar nicht, wie ich später erfahren habe. War aber wohl nett gemeint. So sass ich dann neben Solveigh. Einem breit lachenden, sehr blonden Mädchen mit einer Stimme, die ich heute noch im Ohr habe. Und so klein wie du warst, hattest du unter dem himmelblauen Pulli oder knallgelben T-Shirt immer „Bauch“. 

Aber du warst eine „Mitzieherin“, dich konnte nicht viel schocken und du wusstest viel mehr als ich. Du hast mir Dinge erklärt und gezeigt, über die ich mir mit 10 oder 11 nie Gedanken gemacht hab. Nichts auf der Welt verschwindet. Asche wird zu Staub und Staub ist überall hast du mir anhand eures Ofens im Haus erklärt. Über Regenwolken und noch sehr viel mehr konntest du erzählen und auch alles erklären. Ich war fasziniert. Dein Lieblingsfilm war "Krieg der Knöpfe", den Film hab ich mir Jahre später angesehen. Euer Haus war innen komplett vertäfelt. So etwas hatte ich vorher noch nie gesehen. Das war toll. Ihr hattet 2 Ponys. Lasse und ebenfalls ein skandinavischer Name, ich komm nicht mehr drauf. Im Garten ein kleines, dunkles Holz-Haus auf Stelzen für die Kinder. Da haben wir Hexe Hexe kaukaukau hau mir doch die Nase blau gesungen. Wir haben Apfelsaft getrunken. Ich kannte vorher keinen Apfelsaft, den gab es bei uns nicht und ich bekam jedes Mal Kopfschmerzen. Zur Geburtstagsparty wurden im Haus Schlauchboote aufgestellt. An denen hingen später jede Menge Spaghettis mit Tomatensosse.

Du hast 2 Geschwister. Juliane genannt Julchen, die lange, blonde Mega-Locken hatte um die sie jeder beneidete und die sie selbst doof fand. Und Sören, aber der war zu der Zeit klein. Wie bei allen Geschwistern gab es immer mal Stunk zwischen dir und Julchen, weil du ungefragt was aus ihrem Zimmer genommen hast. Wir waren auf dem kleinen Dachboden, da war eine Hängematte und dort haben wir Olivia Newton John und John Travolta sehr laut gehört. Die Zeit verflog einfach so. 

Du wohntest am anderen Ende vom Dorf und bist, als wir zur „großen“ Schule in der Kleinstadt wechseln mussten, auch weil die Dorfschule geschlossen wurde, immer beim Schulbus früher oder später ein- und ausgestiegen. Manchmal sind wir auch zusammen ausgestiegen, haben zusammen gegessen und dann Blödsinn gemacht. Ich durfte immer niemanden mitbringen und so erinnere ich mich, als mein Pa früher nach Hause kam und ich dich irgendwie heimlich rausgelotst habe. Den Grund warum du so erwachsen warst und dir vom Leben nichts vorschreiben lassen wolltest hab ich erst später begriffen. Mukoviszidose kannte ich bis dahin nicht. Aber dann sehr gut. Auf Klassenfahrt in der 5. oder 6. war es als ein Mädchen aus der Parallelklasse dich als Pillenfresser bezeichnet hat. Das hat dich innerlich tief getroffen, die ganze Stimmung war im Eimer. Was sind Kinder gemein und dumm. Aufhalten konnte dich trotzdem niemand. Und ja nun lange selbst Mutter stelle ich mir vor, wie es ist so einen kranken Feger zu haben und noch 2 Kinder mehr. An die Picknick-Nummer erinner ich mich noch. Wir hatten uns Essen und Trinken eingepackt. Und wo haben wir gegessen? An der Bundesstrasse, der B6, rechts neben dem Standstreifen, zwischen beiden Leitplankenprofilen. Laut war´s. Irgendwann kam jemand und hat uns dort weggescheucht von wegen zu gefährlich. Das war Solveigh. Wir haben wohl noch viel mehr solcher Aktionen gestartet, sonst kann ich mir den Kommentar deiner Mutter nicht erklären. 

Ab der 7. Klasse trennten sich unsere Wege, jede ging auf eine andere Schule. Du Gym, ich Real. Neue Klassenkameraden oder Mitschüler. Andere Ziele. Anfang der 90er hab ich dich plötzlich spät abends noch in einer Fernsehsendung gesehen, da ging es um Transplantationen. Du hattest eine Leber bekommen. Auch da warst du so klar, cool und sympathisch.   

Hab die Narbe gesucht, die du mir am Oberarm reingekratzt hattest, weil wir uns wegen irgendwas gestritten haben. Sie ist verblasst. Wie auch Erinnerungen verblassen. Aber einiges bleibt hängen. Mach´s gut Solveigh. Die werden viel Spass mit dir haben da oben.

Das musste ich loswerden. Zu oft hab ich an diese Zeit gedacht. Das ganze Leben besteht aus Abschnitten in denen wir Menschen treffen. Einige bleiben nur kurz, andere länger, aber jeder bringt eine Erinnerung. Gute und schlechte. Zu der Zeit haben meine Eltern so gar keine Fotos gemacht. Und so hab ich nur das Klassenfoto.  



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